Quaaaak. Weiter gehts in den Feuchtgebieten.
Warum soll ich mit Worten sparen? Sie sind umsonst!
(Seneca)
Dieser Blogbeitrag hat sich um ein ungeahntes Ausmass verschlafen. Und es hat verschiedene Gründe, wie zum Beispiel relativistische Effekte.
Ein weiterer ist Grund ist, dass die Grossschwippschwäger und -schwäne einer befreundeten Leserin dieses Blogs die Schweiz besucht hatten. Und auf dieser Reise, so wurde es mir zugetragen, hatten sie ausnahmslos saubere Klos auf den Autobahnraststätten angetroffen.
Dies war ein herber Schock für mich. Denn ich muss dank der pfiesen und pfösen Eule über eine Roman-Protagonistin bloggen, die sämtliche Klobrillen mit ihrer Muschi zu säubern pflegt.
So.
Und jetzt ahnt ihr auch, in welche Abgründe ich heruntersteigen muss. In die Lebenswelt einer Frau Memel, die, nomen est omen, nach einem Feuchtgebiet benannt ist.
Zunächst einmal erfährt man das Körperbild der guten Frau, über Selbstbefriedigungspraktiken und auch über die Geschlechterrollen, die sie als dominante Akteurin gleich gerne selbst zuteilt. Ihr Körper scheint das Zentrum zu sein, von welchem jegliche Lebensfreude ausgeht. Genüsse intellektueller oder seelischer Art scheint sie aber gar keine zu erfahren. Männer sind in ihrem Leben blosse Erfüllungsgehilfen ihrer Sexualität.
Zunächst einmal regt sie sich auf darüber, dass Knaben schmutzig sein dürfen, während bei Mädchen die Intimhygiene eine halbe Wissenschaft darstellt. Aber darüber verliert sie nicht viele Worte, sondern geht gleich hinüber zu einer sehr mechanistischen Erklärung der menschlichen Sexualität: Man müsse nur ein wenig nach Scheidenschleim riechen, und schon würden Männer wie wilde Tiere von ihrer Lust ergriffen werden.
Nur wer Regeln kennt, kann sie auch ganz bewusst verletzen und so einen Standpunkt vertreten. Bei ihr geht es aber gar nicht eine Reform der sexuellen und intimhygienischen Regeln – sie will nicht andere Menschen aufklären, ihnen sagen, dass sie auf eine einfachere, oder auf eine freiere, oder selbstbewusstere Weise leben können.
Es geht ihr bloss um eine möglichst bequeme Form des eigenen Lustgewinns, nicht aber um Kritik an den sexuellen Umgangsformen der Gesellschaft. Wenn irgendeine Regel ihre Zufriedenheit stört, ignoriert sie diese. Egoismus pur. Kein Gedanke daran, ob irgendjemand anderes auch von einer dieser Regeln behindert würde oder nicht; und ob es sich lohnen würde, sich für Person einzusetzen.
Aber was eigentlich treibt Frau Memel dazu, ihren eigenen Körper als blosse Benutzeroberfläche zu begreifen? Nirgendwo scheint durch, dass sie auf eine andere Weise sich für ihren Körper interessieren oder ihn pflegen würde. Sport? Fehlanzeige. Ihre Ernährung findet gar keine Erwähnung. Über den Alltag ist kaum etwas bekannt, ausser dass sie die Schule nicht wirklich gerne besuchte.
Protestiert sie aber doch gegen den bürgerlichen Sauberkeits- und Ordnungsfimmel?
Ist es Protest, wenn er im Privaten stattfindet? If a tree falls in the forest, and no-one is around to hear it – does it still make a sound?
Aber wir wissen, dass die Wahrheit nicht nur jemanden benötigt, der sie ausspricht, sondern auch jemanden, der sie anhört.
So macht sie gar kein Statement gegenüber der Öffentlichkeit, sie hat in der Handlung ihres Buches gar kein Publikum - sondern schafft dieses erst, indem ihre Handlung als Buch erscheint. Und nur deshalb, so glaube ich, erhält "Feuchtgebiete" auch dieses Image als Skandalbuch.
Charlotte Roche hat also die Bühne sehr schlau und umsichtig gewählt.
Aber tauchen wir mal ab.
In die richtig feuchten Gefilde.
Wollt ihr überhaupt?
Ja?
(Nein sagen gilt nicht. Ihr hättet mich früher unterbrechen können.)
Nach der selbstlosen Reinigungsaktion öffentlicher, ja sogar gemischtgeschlechtlicher Toiletten durch Fr. Memel wird eine gewisse Ästhetik in ihrer Kloschüssel offenbar.
Sie beschreibt nach der Tätigkeit, die wir hier "Wasser lösen" nennen wollen, einen "weissen, weichen, hübschen" Schleimklumpen, der wie Champagner Bläschen steigen lässt.
Weiss? Okay, das ist ja noch eine objektive Beschreibung des Gegenstands.
Weich? Okay, sie hats angefasst.
Hübsch? Okay.
Aber dann interpretiert sie - obwohl er es ganz anders ausdrückte - die Meinung ihres Frauenarztes derart, dass sie halt eine "sehr aktive" Schleimhautbeschleimung hätte.
Darin kann der geneigte Leser ein gewisses Misstrauen Memels gegenüber dem medizinisch-industriellen Komplex feststellen. Hauptsache, ihr Individiualismus begegnet dem ärztlichen Rat gänzlich unbeschadet.
Am Schluss kommt Frau Memel zu ihrer Hämorrhoiden-Operation, weswegen sie gerade im Krankenhaus ist. Ein junger Arzt klärt sie darüber auf, wie sie die Operationswunde zu reinigen habe - Abtupfen sei wesentlich schmerzhafter als mit dem Duschkopf abzuspritzen. Aber da habe sie ja schon viel Erfahrung - denn regelmässig füllt sie ihre Scheide mit Wasser, indem sie den Duschkopf einführt, das Wasser aufdreht, und dann einen von ihren zur Literaturform veredelten Höhepunkte kriegt.
Dass sie auch die Selbstbefriedigung in/auf/mit einem Bidet erwähnt, verrät ihre mutmassliche Herkunft, die Oberschicht. (Ich habe in meinem Leben erst ein einziges Bidet erblickt, und da war ich so jung, dass ich es für ein Fussbad hielt.) Man hört viel über das übermässige Behütetsein in wohlhabenden Familien, aber darüber möchte ich jetzt spekulieren.
So. Das war die Rezension von "Feuchtgebiete".
Wie es auf den Seiten 27ff. weitergeht, erfahren Sie bald.