Literaturkritik – Dr. Norden – Nr. 223
Es gibt immer einen Ausweg
Franzi fasst mit Dr. Nordens Hilfe wieder Mut
„35 Jahre“ prangt gross auf dem schlichten, blau roten Cover des Dr. Norden Romans. Und auch die Aussage der „Über 180 Millionen verkaufte[n] Exemplare“ lässt mich Grosses erahnen.
Am Anfang lernt man Franziska Rühl kennen. Sie ist morgens früh in der S-Bahn auf dem Weg zu Dr. Norden. Zwischen Männern und Burschen eingezwängt, von Knoblauchdunst und lauten Stimmen umgeben, kippt das labile Mädchen schliesslich zusammen. Die taffe junge Frau in Jeans und Pelzjacke kümmert sich um die ohnmächtige Franzi und weist die neugierigen Gaffer forsch zurück. Sie stellt sich als medizinisch technische Assistentin Anna Franke heraus und lässt einen Notarzt kommen. Der junge Notarzt stellt sich ungeschickt an, und wird von Anna zur Schnecke gemacht. Franzi wird in die Behnisch-Klinik gebracht, wo Anna arbeitet.
Dr. Norden und seine reizende Hilfe Loni machen sich währenddessen schon grosse Sorgen um Franzi. Kurz darauf wird Dr. Daniel Norden auch schon von Dieter Behnisch in die Klinik bestellt. Worauf sich Loni auch schon herzlichst nach Franzi erkundigt „Was ist mit dem Dirndl?“.
So nimmt die Geschichte ihren Lauf, und man hat schon die wichtigsten Figuren kennengelernt. Franziska Rühl, als das „arme Hascherl“ das vom Pech verfolgt wird, und nur auf eine Erlösung von irgendwem hofft. Und schon trifft Anna Franke in ihr Leben. Die unübersehbare Namensähnlichkeit mit der Hoffnungsträgerin Anne Frank ist hierbei wohl auch kein Zufall. Der Notarzt Dr. Volker Dietz als Retter in Not, und sowieso als Arzt, lässt immer Hoffnung keimen, wo immer er auch auftauchen mag. Und auch Dr. Norden, der stets alles wieder gerade biegt, wie sonst könnte man auch über 1500 Romane mit seinem Titel verfassen?!
Das arme Hascherl Franzi verbringt nun einige Tage in der Klink um sich wieder zu erholen, baut dabei mit Anna eine herzensbrecherisch schöne Freundschaft auf. Es stellt sich heraus, dass Franzi bald keine Wohnung mehr hat, und sowieso schon lange kein Geld mehr, weil ihre Eltern nichts mehr bezahlen und sie keine Arbeit mehr hat. Anna nimmt sie natürlich selbstlos bei sich auf.
Franzis Leben wird bestimmt durch die Liebe zu ihrer Geige. Per Zufall lernt sie dann auch den Markus Wagreiter, Enkel ihres Geigenbauers, kennen, der ihr viel Geld bietet, damit die Geige wieder zurück in die Familie kommt. Franzi will die Geige natürlich nicht verkaufen, da sie ihr sehr wichtig ist. Also verlieben sich die beiden ineinander und so kommt die Geige schlussendlich doch in seine Familie zurück.
Auch Anne, die anfangs noch behauptete, sie würde nie heiraten wollen, hat sich unsterblich in den Notarzt Dr. Dietz verliebt, den sie zu Beginn noch schroff zurückwies, weil er ja so jung und unerfahren war. Doch dann bekommt er eine Praxis – zufälligerweise im selben Dorf wo Markus wohnt.
Alles läuft super im Leben der Figuren, Franzis Mutter will sich sogar von ihrem Ehemann scheiden lassen, dieser verstirbt jedoch am Tag nach der Ankündigung. Selbst bei dieser Angelegenheit stecken alle unter einer Decke und halten wie eine grosse, heile Familie zusammen.
Schlussendlich heiratet Anne ihren Volker Dietz und sie führen die Praxis auf dem Lande gemeinsam. Ein halbes Jahr später heiratet auch Franzi ihren Markus und wohnt somit wieder in der Nähe ihrer Busenfreundin Anne. Alle sind glücklich und zufrieden, und wie es so kommen muss, Anne wird schwanger. Ein halbes Jahr darauf passiert das auch bei Franzi. Schnulzigerweise tauft Anne ihr Kind nach Franzis Ehemann, das Kind heisst somit Markus Dietz. Und auch Franzi gibt Anne die Ehre und die kleine Anna Wagreiter erblickt ein halbes Jahr später das Licht der Welt.
Ich muss ehrlich sagen, ich habe nicht viel erwartet von dieser Lektüre. Doch ich glaube, ich darf ehrlich sagen, selbst meine geringen Erwartungen wurden bei weitem untertroffen.
In den ersten paar Sätzen lernt man die Hauptfigur kennen, ein armes, mitleiderregendes Mädchen. Schon bald wird einem klar, dass sie die Opferrolle übernimmt in der Geschichte. Die gute Seite wird durch all die Leute von der Klink dargestellt. Sie alle helfen dem armen Mädchen, päppeln sie wieder auf, und durch die Klinik lernt sie auch ihren späteren Ehemann kennen. Ihr Vater spielt die böse Rolle, er hat seine Ehefrau betrogen, ist mit einer Anderen abgehauen, hat Franzi nie Geld gegeben, und hat sie somit in die ganze Situation getrieben. Er erhält jedoch dann auch seine gerechte Strafe, indem sich zuerst seine Frau von ihm scheiden lassen will, seine neue Freundin ihn verlässt und er dann auch gerade noch abkratzt, als er alles bezahlen sollte.
Somit ist auch bei diesem Arztroman die grundlegende Struktur der Trivialliteratur erfüllt (Opfer – Gut – Böse). Sobald sich irgendwo ein Problem, oder eine Schwierigkeit ergibt, kommt garantiert eine Person aus der Gut-Fraktion und bringt schnell eine perfekte Lösung für die Schwierigkeit.
Die Figuren bringen meist Probleme aus früherer Zeit mit, und in der kurzen Dauer des 60-Seiten-Romans wird jegliches Problem aus der Vergangenheit aufgearbeitet, es werden neue Freundschaften, Beziehungen und Ehen geschlossen, und das ganze endet in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Welt.
Aber so muss es ja schliesslich auch sein. Anderweitig kann ich mir die 180 Millionen verkauften Exemplare nicht vorstellen. Wer liest schliesslich gerne Romane, die Probleme darstellen, einem zu denken geben, und lange Diskussionen über die jeweilige Geschichte zulassen?
Oh richtig... – Ich!















